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H&S+ Brandschutz Köln

H&S+ Köln – BrandschutzStand: 26.04.2026

Bestandsschutz im Brandschutz – § 59 und § 69 BauO NRW

Die BauO NRW kennt keinen Paragraphen „Bestandsschutz“. Maßgeblich sind § 59 (bestehende Anlagen), § 69 (Abweichungen §§ 26–49) und behördliche Eingriffe. Normkette, Entscheidungstabellen und Prüfkatalog.

Systematik: kein § „Bestandsschutz“

Die BauO NRW kennt keinen Paragraphen „Bestandsschutz“. Maßgeblich ist das System um § 59 BauO NRW (bestehende Anlagen), ergänzt durch § 69 (Abweichungen), § 60 Abs. 2 (Eingriff trotz Genehmigungsfreiheit) und die behördlichen Eingriffsbefugnisse der §§ 58, 82 und 84 BauO NRW.

Brandschutz-Anforderungen für Bestand sind die Vorschriften der §§ 26 bis 49 BauO NRW sowie aufgrund des Gesetzes erlassene Vorschriften (z. B. SBauVO NRW).

Anlagen sind so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass Leben, Gesundheit und öffentliche Sicherheit nicht gefährdet werden – auch bei Nutzungsänderung (§ 3 Abs. 1 BauO NRW). Für rechtmäßig bestehende Anlagen begrenzt § 59 Abs. 1, wann die Behörde Nachrüstung verlangen darf.

  • § 3 Abs. 1 – Dauerhafte Schutzpflicht, auch bei Nutzungsänderung
  • § 59 Abs. 1 – Weiterbetrieb: Nachrüstung nur bei Einzelfall-Gefahr für Leben und Gesundheit
  • § 59 Abs. 2 – Wesentliche Änderung: Nachrüstung im konstruktiven Zusammenhang
  • § 69 Abs. 1 – Abweichungen von §§ 26–49 bei bestehenden Anlagen
  • § 69 Abs. 1a – Sachverständigenbescheinigung Brandschutz statt Abweichungszulassung
  • § 60 Abs. 2 – Genehmigungsfreiheit schützt nicht vor Eingriffsbefugnissen
  • §§ 82, 84 – Nutzungsuntersagung, Nutzungsverbot bis zur Prüfung

Rechtsfiguren im Überblick

Die gesetzlichen Regelungen für rechtmäßig bestehende Anlagen – ohne umgangssprachliche Kurzbezeichnungen.

Bestand und Brandschutz – Rechtsfiguren BauO NRW

Bestand und Brandschutz – Rechtsfiguren BauO NRW
RechtsfigurNormFunktion
Weiterbetrieb ohne Nachrüstung§ 59 Abs. 1Anpassung nur, wenn im Einzelfall wegen Abwehr von Gefahren für Leben und Gesundheit erforderlich
Nachrüstung bei wesentlicher Änderung§ 59 Abs. 2Nicht unmittelbar berührte, nicht vorschriftsmäßige Bauteile im konstruktiven Zusammenhang – ohne unverhältnismäßigen Mehraufwand
Abweichung von Brandschutzvorschriften§ 69 Abs. 1Abweichungen von §§ 26 bis 49 u. a. bei Modernisierung, Energieeinsparung, Nutzungsänderung, Denkmal
Sachverständigenbescheinigung§ 69 Abs. 1aKeine Abweichungszulassung nötig, wenn SV nach § 87 Abs. 2 Brandschutz oder Standsicherheit bescheinigt
Eingriffe trotz Genehmigungsfreiheit§ 60 Abs. 2Genehmigungsfreiheit entbindet nicht von öffentlich-rechtlichen Vorschriften; Eingriffsbefugnisse bleiben
Beseitigung / Nutzungsuntersagung§ 82 Abs. 3Nutzung im Widerspruch zu öffentlich-rechtlichen Vorschriften kann untersagt werden
Nachprüfung Bestand per Verordnung§ 87 Abs. 1Ermächtigung zur Erstreckung der Nachprüfungspflicht auf bestehende Anlagen (z. B. SBauVO NRW)

§ 59 BauO NRW – bestehende Anlagen

§ 59 Abs. 1: Entsprechen rechtmäßig bestehende Anlagen nicht den Vorschriften dieses Gesetzes oder aufgrund dieses Gesetzes erlassenen Vorschriften, so kann verlangt werden, dass die Anlagen angepasst werden, wenn dies im Einzelfall wegen der Abwehr von Gefahren für Leben und Gesundheit erforderlich ist. Ein alleiniger Bestandsmangel rechtfertigt keine pauschale Nachrüstung – die Behörde muss einen Einzelfall mit Gefahr für Leben und Gesundheit begründen.

§ 59 Abs. 2: Sollen Anlagen wesentlich geändert werden, so kann gefordert werden, dass auch nicht unmittelbar berührte Teile in Einklang gebracht werden, wenn die nicht vorschriftsmäßigen Bauteile mit den Änderungen in einem konstruktiven Zusammenhang stehen und die Nachrüstung nicht berührter Teile keinen unverhältnismäßigen Mehraufwand verursacht. In diesem Zusammenhang sind angemessene Regelungen zur Barrierefreiheit zu treffen.

Entscheidungstabelle § 59 BauO NRW

Entscheidungstabelle § 59 BauO NRW
SituationRechtsfolgeNorm
Rechtmäßig bestehende Anlage, kein Vorhaben, Mangel gegenüber heutigem RechtWeiterbetrieb grundsätzlich möglich; Nachrüstung nur bei Einzelfall-Gefahr für Leben und Gesundheit§ 59 Abs. 1
Rechtmäßig bestehende Anlage, wesentliche Änderung geplantNachrüstung nicht unmittelbar berührter Bauteile im konstruktiven Zusammenhang möglich§ 59 Abs. 2
Nachrüstung nicht berührter Teile verursacht unverhältnismäßigen MehraufwandKeine Pflicht nach § 59 Abs. 2; ggf. Abweichung nach § 69§ 59 Abs. 2; § 69
Nutzungsänderung ohne wesentliche bauliche Änderung§ 59 Abs. 2 greift nicht unmittelbar; § 3 Abs. 1 Satz 3 und ggf. § 69; Eingriffe nach § 82 bei Widerspruch§ 3 Abs. 1; § 69; § 82

§ 69 BauO NRW – Abweichungen

§ 69 Abs. 1 Satz 1: Die Bauaufsichtsbehörde kann Abweichungen zulassen, wenn sie mit den öffentlichen Belangen, insbesondere § 3, vereinbar ist; wird der Zweck der Anforderung nachweisbar auch unter Zulassung der Abweichung erreicht, soll die Abweichung zugelassen werden.

§ 69 Abs. 1 Satz 2: Abweichungen von den §§ 4 bis 16 und § 26 bis § 49 sind bei bestehenden Anlagen zuzulassen zur Modernisierung von Wohnungen und Wohngebäuden (Baugenehmigung mindestens fünf Jahre zurück), zur Energie- oder Wassereinsparung, bei Nutzungsänderungen oder zur Erhaltung von Denkmälern.

§§ 26–49 umfassen u. a. Brandverhalten (§ 26), Brandwände (§ 30), Rettungswege (§§ 33, 37), Treppen und Flure (§§ 34–36), Leitungen (§ 40), Lüftung (§ 41) und Sonderbauten-Verweis (§ 50).

§ 69 Abs. 1a: Der Zulassung einer Abweichung bedarf es nicht, wenn sachverständige Personen nach § 87 Abs. 2 bescheinigen, dass das Vorhaben den Anforderungen an den Brandschutz oder an die Standsicherheit entspricht und das Vorliegen der Voraussetzungen für Abweichungen bescheinigt wird.

Abweichung oder Sachverständigenbescheinigung

Abweichung oder Sachverständigenbescheinigung
VerfahrenVoraussetzungEntscheidungNorm
AbweichungsantragTatbestand § 69 Abs. 1 Satz 2; Antrag in Textform mit BegründungBauaufsichtsbehörde§ 69 Abs. 1, 3, 4
SachverständigenbescheinigungSV nach § 87 Abs. 2 bescheinigt Brandschutz/Standsicherheit und AbweichungsvoraussetzungenKeine behördliche Abweichungszulassung erforderlich§ 69 Abs. 1a

Verfahren und behördliche Eingriffe

§ 60 Abs. 2: Genehmigungsfreiheit nach §§ 61 bis 63, 78 und 79 Abs. 1 Satz 1 sowie Beschränkung der Prüfung nach § 64 entbinden nicht von öffentlich-rechtlichen Vorschriften und lassen Eingriffsbefugnisse unberührt.

§ 58 Abs. 4: Auch nach Baugenehmigung können Anforderungen gestellt werden, um nicht voraussehbare Gefahren abzuwenden – entsprechend bei genehmigungsfreien Anlagen.

§ 82 Abs. 1: Werden Anlagen im Widerspruch zu öffentlich-rechtlichen Vorschriften errichtet, geändert oder beseitigt, kann die Einstellung der Arbeiten angeordnet werden.

§ 82 Abs. 3: Werden Anlagen im Widerspruch errichtet oder geändert, kann Beseitigung angeordnet werden. Wird im Widerspruch genutzt, kann die Nutzung untersagt werden – unabhängig vom Bestandsalter und § 59 Abs. 1.

§ 84 Abs. 5: Die Behörde kann verlangen, dass Anlagen erst benutzt werden, wenn sie oder ein beauftragter Sachverständiger sie geprüft hat.

Weitere Normen mit Bestandsbezug

Zusätzliche gesetzliche Regelungen mit Brandschutzbezug für bestehende Anlagen.

Streu-Normen – Bestand und Brandschutz

Streu-Normen – Bestand und Brandschutz
NormKerninhaltBestandsbezug
§ 4 Abs. 2 Satz 2–4Bei bestehenden Gebäuden nicht für Außenwand- und Dachdämmung; entsprechend für zusammenhängende BauteiländerungenEnergetische Sanierung
§ 6 Abs. 11 Satz 3Darüber hinausgehende Abstandsänderungen können unter Würdigung der Belange des Brandschutzes zugelassen werdenDachgeschoss-Ausbau, gleichartige Kubatur
§ 39 Abs. 1 Satz 2Aufzugspflicht gilt nicht bei bestehenden Gebäuden unter genannten Voraussetzungen (Dachausbau, Aufstockung bis zwei Geschosse u. a.)Fahrschachtanforderungen § 39 Abs. 2 bleiben relevant
§ 44 Abs. 2Betrieb von Abfallschächten zum Inkrafttreten der Vorschrift kann widerruflich genehmigt werdenÜbergangsregelung Bestand
§ 87 Abs. 1Ermächtigung zur Erstreckung der Nachprüfungspflicht auf bestehende Anlagen durch RechtsverordnungSBauVO NRW Sonderbauten

Prüfkatalog

Systematische Prüffragen für brandschutzrechtliche Bestandsfragen – ausschließlich auf Gesetzesgrundlage.

Prüfpunkte Bestand und Brandschutz

Prüfpunkte Bestand und Brandschutz
Nr.PrüffrageNorm / KriteriumErgebnis bei „Ja“
1Rechtmäßig bestehende Anlage?§ 59 Abs. 1§ 59-System anwendbar
2Kein Bauvorhaben (nur Weiterbetrieb)?§ 59 Abs. 1Nachrüstung nur bei Einzelfall-Gefahr
3Wesentliche Änderung geplant?§ 59 Abs. 2; §§ 60 ff.Erweiterte Nachrüstung möglich; Genehmigungspflicht prüfen
4Nicht vorschriftsmäßige Bauteile im konstruktiven Zusammenhang?§ 59 Abs. 2Nachrüstung kann verlangt werden
5Unverhältnismäßiger Mehraufwand bei Nachrüstung?§ 59 Abs. 2Keine Pflicht nach Abs. 2; ggf. § 69
6Nutzungsänderung?§ 3 Abs. 1 Satz 3; § 69 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3Schutzpflicht gilt; Abweichungstatbestand eröffnet
7Tatbestand § 69 Abs. 1 Satz 2 (Modernisierung > 5 Jahre, Energie, Denkmal …)?§ 69 Abs. 1Abweichung von §§ 26–49 grundsätzlich zuzulassen
8Sachverständigenbescheinigung nach § 87 Abs. 2?§ 69 Abs. 1aKeine behördliche Abweichungszulassung nötig
9Nutzung im Widerspruch zu Vorschriften?§ 82 Abs. 3Nutzungsuntersagung möglich
10Genehmigungsfrei, aber nicht vorschriftsmäßig?§ 60 Abs. 2; § 82Eingriffsbefugnisse bleiben
11Sonderbau mit Nachprüfungspflicht per Verordnung?§ 87 Abs. 1; § 50; SBauVOBestandsnachprüfung möglich
12Außenwand-/Dachdämmung am Bestand?§ 4 Abs. 2 Satz 2–4Erleichterte Zulässigkeit

Abgrenzung: § 90 BauO NRW

§ 90 BauO NRW: Vor dem Inkrafttreten eingeleitete Verfahren sind nach den damaligen Verfahrensvorschriften fortzuführen. Das regelt welches Verfahrensrecht gilt – keinen materiellen Bestandsschutz für brandschutztechnische Anforderungen.

Materiell maßgeblich für bestehende Anlagen bleibt § 59 in Verbindung mit § 69 BauO NRW.

Beispiel: technische Sanierung ohne baulische Änderung

Eingeschossiges Technikgebäude (Baujahr 1971): ausschließlich Austausch von Anlagenteilen im Inneren – ohne Änderung der baulichen Struktur, Nutzung oder Gebäudeklasse. Frage: Muss die Holzdecke an heutige Feuerwiderstandsanforderungen angepasst werden?

Nach § 59 Abs. 1: Rechtmäßig bestehende Holzdecke – bei reinem Leitungstausch ohne Eingriff in die Decke keine pauschale Nachrüstungspflicht. Greift eine wesentliche Änderung (Decke öffnen, Nutzungswechsel, Teilsanierung mit Trockenbau), ist § 59 Abs. 2 oder ein Genehmigungsverfahren mit § 69 zu prüfen.

Mehr zu baulichen Umbauten: Teilsanierung Büro, Umbau und Nutzungsänderung. Technische Betriebsgebäude: eigener Ratgeber.

Grenzen dieser Übersicht

Dieser Ratgeber fasst die gesetzlichen Vorschriften der BauO NRW zusammen – ohne VV TB NRW, DIN-Normen oder Verwaltungsvorschriften. Verbindlich sind Pläne, brandschutztechnischer Nachweis und Festlegung der Bauaufsicht. Arbeitsschutz (ArbStättV, ASR) gilt unabhängig von § 59.

Häufige Fragen

Gibt es einen § Bestandsschutz in der BauO NRW?
Nein. Maßgeblich sind § 59 (bestehende Anlagen), § 69 (Abweichungen) und die Eingriffsbefugnisse der §§ 58, 60 Abs. 2, 82 und 84 BauO NRW.
Wann darf die Behörde Nachrüstung verlangen?
§ 59 Abs. 1: nur im Einzelfall wegen der Abwehr von Gefahren für Leben und Gesundheit. § 59 Abs. 2: bei wesentlicher Änderung und konstruktivem Zusammenhang, sofern kein unverhältnismäßiger Mehraufwand.
Was ist eine wesentliche Änderung nach § 59 Abs. 2?
Das Gesetz definiert den Begriff nicht abschließend. Relevant sind kumulativ: wesentliche Änderung, konstruktiver Zusammenhang nicht vorschriftsmäßiger Bauteile mit dem Vorhaben, kein unverhältnismäßiger Mehraufwand bei nicht berührten Teilen.
Wann greift § 69 für Brandschutz?
Bei bestehenden Anlagen und Tatbeständen des § 69 Abs. 1 Satz 2 (u. a. Modernisierung mit Genehmigung ≥ 5 Jahre zurück, Energieeinsparung, Nutzungsänderung, Denkmal). Abweichungen von §§ 26 bis 49 können zugelassen werden.
Was leistet § 69 Abs. 1a?
Sachverständige nach § 87 Abs. 2 können bescheinigen, dass das Vorhaben den Anforderungen an Brandschutz oder Standsicherheit entspricht – dann ist keine behördliche Abweichungszulassung erforderlich.
Schützt Genehmigungsfreiheit den Bestand?
Nein. § 60 Abs. 2 BauO NRW: Genehmigungsfreiheit entbindet nicht von öffentlich-rechtlichen Vorschriften; Eingriffsbefugnisse bleiben.
Muss bei Leitungstausch die Holzdecke ertüchtigt werden?
Nach § 59 Abs. 1 nicht pauschal, wenn die Decke unverändert bleibt und das Gebäude rechtmäßig bestand. Bei Eingriff in die Decke oder wesentlicher Änderung: § 59 Abs. 2 oder Genehmigungsverfahren.
Was ist der Unterschied zu § 90 BauO NRW?
§ 90 regelt Verfahrensrecht bei Übergang der BauO 2018 – kein materieller Bestandsschutz. Materiell gilt § 59 mit § 69.

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