Sicherheitsstromversorgung: wann das Gesetz sie verlangt – und was mitversorgt werden muss
Die BauO NRW kennt keine allgemeine Sicherheitsstrom-Pflicht. Nur vier SBauVO-Paragraphen verlangen Sicherheitsstromversorgungsanlagen für bestimmte Sonderbauten – mit unterschiedlichen „insbesondere“-Katalogen und Hochhaus-Sonderregeln.
Bei Stromausfall müssen Sicherheitsbeleuchtung, Brandmeldeanlage, Sprinkler oder Druckbelüftung weiterlaufen – dafür braucht es eine Sicherheitsstromversorgung. Ob das Gesetz sie verlangt, ist enger gefasst als viele Planer annehmen.
§ 14 BauO NRW formuliert das Brandschutzziel – ohne den Begriff Sicherheitsstromversorgung. Eine allgemeine Pflicht zur Installation einer Sicherheitsstromversorgungsanlage für normale Gebäude steht nicht in der BauO NRW.
Gesetzliche Pflichten stehen ausschließlich in der SBauVO NRW für bestimmte Sonderbauten: §§ 14, 54, 80 und 109. Für Garagen gibt es keinen eigenen Paragraphen zur Sicherheitsstromversorgung.
Begriff und Funktion
Einheitliche gesetzliche Funktion (§§ 14, 54, 80, 109 SBauVO): Sicherheitsstromversorgungsanlagen haben bei Ausfall der allgemeinen Stromversorgung den Betrieb der sicherheitstechnischen Anlagen und Einrichtungen zu übernehmen.
Sicherheitstechnische Anlagen sind die im jeweiligen „insbesondere“-Katalog genannten Einrichtungen – nicht jede elektrische Anlage des Gebäudes. Nur gesetzlich vorgeschriebene Anlagen müssen über Sicherheitsstrom versorgt werden.
Ersatzstromversorgungsanlagen (Batterien, Stromerzeugungsaggregate) und Funktionserhalt der Leitungen sind im Brandschutzkonzept nach BauPrüfVO § 9 zu dokumentieren – nicht im Wortlaut der SBauVO-Paragraphen detailliert.
Begriffe im Überblick
Begriffe im Überblick
Begriff
Rolle
Abgrenzung
Sicherheitsstromversorgungsanlage
Strom bei Netzausfall für sicherheitstechnische Anlagen
Pflicht nur §§ 14, 54, 80, 109 SBauVO
Sicherheitstechnische Anlagen
„insbesondere“-Katalog je Sonderbau-Typ
Beleuchtung, BMA, SELFA, RWA … je nach Paragraph
Allgemeine Stromversorgung
Regelnetz des Gebäudes
Ausfall löst Umschaltung auf Sicherheitsstrom aus
§ 14 SBauVO – Versammlungsstätten
Versammlungsstätten müssen eine Sicherheitsstromversorgungsanlage haben, die bei Ausfall der Stromversorgung den Betrieb der sicherheitstechnischen Anlagen übernimmt, insbesondere: Sicherheitsbeleuchtung, selbsttätige Feuerlöschanlagen, Druckerhöhungsanlagen für Löschwasser, Rauchabzugsanlagen, Brandmeldeanlagen, Alarmierungsanlagen und Gebäudefunkanlagen.
Anwendungsbereich: Teil 1 SBauVO – Versammlungsstätten nach § 50 BauO NRW (z. B. VR > 200 Personen, Freianlagen, Stadien). § 14 steht im Abschnitt Technische Anlagen zusammen mit Blitzschutz.
Keine gesetzliche Mindestdauer in § 14 – anders als Hochhaus § 109. Wo Notlicht Pflicht ist: Sicherheitsbeleuchtung (§ 15 SBauVO).
§ 54 SBauVO – Beherbergungsstätten
Beherbergungsstätten müssen Sicherheitsstromversorgungsanlagen haben, die bei Ausfall der allgemeinen Stromversorgung den Betrieb der sicherheitstechnischen Anlagen übernehmen, insbesondere: Sicherheitsbeleuchtung, Alarmierungseinrichtungen, Brandmeldeanlagen und Gebäudefunkanlagen.
Anwendungsbereich: Teil 2 SBauVO – Beherbergungsstätten mit mehr als 12 Gastbetten (§ 47 SBauVO). Schmalerer Katalog als Versammlungsstätte, Verkauf oder Hochhaus: keine SELFA, kein Rauchabzug, keine Druckerhöhungsanlage im „insbesondere“-Verzeichnis.
Verkaufsstätten müssen Sicherheitsstromversorgungsanlagen haben, die bei Ausfall der allgemeinen Stromversorgung den Betrieb der sicherheitstechnischen Anlagen übernehmen, insbesondere: Sicherheitsbeleuchtung, Beleuchtung der Stufen und Hinweise auf Ausgänge, selbsttätige Feuerlöschanlagen, Rauchabzugsanlagen, Schließeinrichtungen für Feuerschutzabschlüsse (z. B. Rolltore), Brandmeldeanlagen, Alarmierungsanlagen, Druckerhöhungsanlagen und Gebäudefunkanlagen.
Anwendungsbereich: Teil 3 SBauVO – Verkaufsstätten mit Verkaufsräumen oder Ladenstraßen > 2.000 m² (§ 60 SBauVO). Breitester Katalog neben Hochhaus – inklusive Feuerschutzabschlüsse und expliziter Stufen-/Ausgangshinweis-Beleuchtung.
Hochhäuser müssen Sicherheitsstromversorgungsanlagen haben, die bei Ausfall der allgemeinen Stromversorgung für mindestens drei Stunden den Betrieb der sicherheitstechnischen Gebäudeausrüstung übernehmen, insbesondere: Sicherheitsbeleuchtung, selbsttätige Feuerlöschanlagen und Druckerhöhungsanlagen, Rauchabzugsanlagen, Druckbelüftungsanlagen, Brandmeldeanlagen, Alarmierungsanlagen, Aufzüge und Gebäudefunkanlagen für die Feuerwehr.
Leitungsnetze der Sicherheitsstromversorgung müssen mindestens bis zur geschossweisen Unterverteilung so beschaffen oder geschützt sein, dass sie bei Brand ihre Funktionsfähigkeit für mindestens 90 Minuten behalten.
§ 114 SBauVO: Feste, flüssige oder gasförmige Brennstoffe dürfen nicht in Geschossen über dem Erdgeschoss gelagert werden – Ausnahme: Tagesvorrat für den Betrieb der Sicherheitsstromversorgungsanlagen.
Einzige gesetzliche Betriebsdauer im Landesrecht: nur § 109 nennt ausdrücklich 3 Stunden Versorgung und 90 Minuten Leitungsfunktionserhalt. Für Versammlung, Beherbergung und Verkauf regelt das Gesetz die Dauer nicht.
§ 24 SBauVO (Großbühnen): Beleuchtung an Auslösevorrichtungen der Rauchabzugs- und Sprühwasserlöschanlagen sowie am Handfeuermelder an der Brandsicherheitswache muss an die Sicherheitsstromversorgung angeschlossen sein – Anschluss an die Sicherheitsstromversorgungsanlage der Versammlungsstätte nach § 14.
Garagen (Teil 5): § 135 SBauVO regelt Sicherheitsbeleuchtung für geschlossene Großgaragen (mit Ausnahmen) – aber keinen eigenen Paragraphen „Sicherheitsstromversorgungsanlagen“. Eine gesetzliche Sicherheitsstrom-Pflicht für Garagen lässt sich aus BauO/SBauVO nicht unmittelbar ableiten.
Keine gesetzliche Pflicht für
Krankenhäuser, Schulen, Bürogebäude, Wohnheime, Industriebauwerke – sofern nicht zugleich Versammlungsstätte, Beherbergung, Verkaufsstätte oder Hochhaus im Sinne der SBauVO-Teile
Garagen (nur Sicherheitsbeleuchtung nach § 135, kein Sicherheitsstrom-Paragraph)
DIN VDE 0100-560, DIN EN 50171, VdS-Richtlinien – nicht Inhalt dieses Ratgebers
Versorgungsumfang im Vergleich
„insbesondere“-Kataloge – was mitversorgt werden muss
„insbesondere“-Kataloge – was mitversorgt werden muss
Anlage
§ 14 VS
§ 54 Hotel
§ 80 Verkauf
§ 109 Hochhaus
Sicherheitsbeleuchtung
Ja
Ja
Ja (+ Stufen, Ausgangshinweise)
Ja
Selbsttätige Feuerlöschanlagen
Ja
—
Ja
Ja
Druckerhöhungsanlagen (Löschwasser)
Ja
—
Ja
Ja
Rauchabzugsanlagen
Ja
—
Ja
Ja
Druckbelüftungsanlagen
—
—
—
Ja
Brandmeldeanlagen
Ja
Ja
Ja
Ja
Alarmierung(s)anlagen
Ja
Ja
Ja
Ja
Gebäudefunkanlagen
Ja
Ja
Ja
Ja (für Feuerwehr)
Feuerschutzabschlüsse (Rolltore)
—
—
Ja
—
Aufzüge
—
—
—
Ja
Mindestdauer Versorgung
nicht genannt
nicht genannt
nicht genannt
3 Stunden
Leitungs-Funktionserhalt Brand
nicht genannt
nicht genannt
nicht genannt
90 Minuten
Übersicht: wann Sicherheitsstrom gesetzlich?
Schwellen und Normen
Schwellen und Normen
Gebäudeart
Schwelle
Norm
Besonderheit
Versammlungsstätte
§ 50 BauO (z. B. VR > 200 Pers.)
§ 14 SBauVO
Breiter Katalog; keine Zeitangabe
Beherbergung
> 12 Gastbetten
§ 54 SBauVO
Engerer Katalog
Verkaufsstätte
Verkaufsfläche > 2.000 m²
§ 80 SBauVO
Inkl. Rolltore, Stufenbeleuchtung
Hochhaus
Gebäudehöhe > 22 m
§ 109 SBauVO
3 h Versorgung; 90 min Leitung; Aufzüge
Garage
—
—
Kein Sicherheitsstrom-Paragraph
Normales Gebäude
—
—
Keine gesetzliche Pflicht
BauPrüfVO § 9 und PrüfVO
Bei großen Sonderbauten (§ 70 Abs. 2 BauO NRW) muss das Brandschutzkonzept die Sicherheitsstromversorgung mit Angaben zur Bemessung, Lage und brandschutztechnischen Ausbildung des Aufstellraums, Ersatzstromversorgungsanlagen (Batterien, Aggregate) und zum Funktionserhalt der elektrischen Leitungsanlagen enthalten (BauPrüfVO NRW § 9).
PrüfVO technische Anlagen Sonderbauten NRW: wiederkehrende Prüfung von Sicherheitsbeleuchtungs- und Sicherheitsstromversorgungsanlagen – in Hochhäusern wiederkehrend nur elektrische Anlagen außerhalb von Wohnungen.
Dieser Ratgeber fasst nur BauO NRW, SBauVO NRW, BauPrüfVO NRW und PrüfVO zusammen – ohne DIN VDE 0100-560, DIN EN 50171 oder VdS-Richtlinien. Bemessung von Batteriekapazität und Aggregatleistung regelt das Gesetz nicht.
Braucht jedes Gebäude eine Sicherheitsstromversorgung?
Nein. Die BauO NRW kennt keine allgemeine Pflicht. Gesetzlich nur bei Versammlungsstätte (§ 14), Beherbergung > 12 Betten (§ 54), Verkauf > 2.000 m² (§ 80) und Hochhaus > 22 m (§ 109 SBauVO).
Was ist der Unterschied zur Sicherheitsbeleuchtung?
Sicherheitsbeleuchtung (§§ 15, 54, 77, 108, 135): wo Leuchten Pflicht sind. Sicherheitsstromversorgung (§§ 14, 54, 80, 109): welche Anlagen bei Netzausfall weiterlaufen müssen – inklusive Beleuchtung, BMA, SELFA u. a.
Wie lange muss Sicherheitsstrom bereitstehen?
Nur § 109 SBauVO (Hochhaus) nennt ausdrücklich 3 Stunden Versorgungsdauer und 90 Minuten Funktionserhalt der Leitungen bei Brand. Für Versammlung, Hotel und Verkauf steht keine Mindestdauer im Gesetz.
Gilt das in der Tiefgarage?
Geschlossene Großgaragen können Sicherheitsbeleuchtung nach § 135 SBauVO brauchen – aber keinen eigenen Sicherheitsstrom-Paragraph in der SBauVO.
Müssen Aufzüge über Sicherheitsstrom laufen?
Nur im Hochhaus nach § 109 SBauVO im „insbesondere“-Katalog. Nicht in Versammlungsstätte, Beherbergung oder Verkauf im gesetzlichen Katalog.
Darf Diesel für das Aggregat im Obergeschoss lagern?
§ 114 SBauVO: Brennstoffe grundsätzlich nicht über dem Erdgeschoss – Ausnahme Tagesvorrat für den Betrieb der Sicherheitsstromversorgungsanlage.
Wer prüft die Anlage?
In Sonderbauten: PrüfVO NRW mit Prüfsachverständigem. Technische Ausführung und Wartung zusätzlich nach DIN VDE – nicht Gegenstand dieses Ratgebers.
Von der Ratgeber-Einordnung zur konkreten Leistung: Brandschutzberatung, Konzept oder betriebliche Organisation – wir melden uns mit einer passenden Einschätzung.